Jeder, der sich auch nur minimal mit der Geschichte des Horror-Genres beschäftigt, trifft früher oder später auf den Cthulhu-Mythos. Der Cthulhu-Mythos ist so etwas wie das Linux des Horror-Genres, ein gemeinsames Paralleluniversum, das den Werken zahlloser Autoren als Hintergrund dient und sich aus einer Reihe bestimmter Örtlichkeiten, Charakteren und übernatürlichen Wesenheiten zusammensetzt.
Sein Begründer H.P. Lovecraft muss damit wohl als der erste große Open-Source-Autor angesehen werden. Nachdem er im Wechselspiel mit seinen Brieffreunden diese Hintergrundwelt für seine Romane und Kurzgeschichten erschaffen hatte, eröffnete er sie anderen Autoren und bot ihnen bewusst an, sich darin auszutoben.
Die Ergebnisse sind erwartungsgemäß von recht heterogener Qualität, aber sie haben insgesamt Lovecrafts Stellung in der Welt des Horrors mehr zementiert, als es sein eigenes literarisches Schaffen je gekommt hätte.
Nach Lovecrafts Tod wurde der Cthulhu-Mythos immer wieder von verschiedenen Personen für sich vereinnahmt. Im Jahr 2008 ist H.P. Lovecrafts Tod nun 71 Jahre her, womit sein Werk endgültig für jedermann gemeinfrei geworden ist.
Grund genug, sich damit zu beschäftigen.
Geschichte des Cthulhu-Mythos
Lovecraft erschuf sein Universum in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, und noch heute spielen viele Werke, die sich auf den Mythos beziehen, in dieser Phase.
Der Begriff “Cthulhu-Mythos” dagegen wurde von Lovecrafts Bekannten August Derleth geprägt, der nach Lovecrafts Tod im Guten wie im Schlechten dessen literarischen Nachlass verwaltete und weiter verbreitete. Der Name geht auf die mächtige Gottheit “Cthulhu” zurück, die eine wichtige Rolle im Mythos spielt.
Robert M. Price machte dementsprechend in seinem wegweisenden Essay “H.P. Lovecraft and the Cthulhu Mythos” zwei Phasen der Entwicklung des Cthulhu-Mythos aus. Die erste Phase fand zu Lovecrats Lebzeiten statt und und unterlag seiner Führung. Die zweite Phase fand unter der Führung von August Derleth statt, der sich bemühte, den Mythos nach Lovecrafts Tod zu ordnen und zu erweitern. Inzwischen, über 30 Jahre nach Derleths Tod und über 70 Jahre nach Lovecrafts Tod, muss man sicherlich eine dritte Phase der Rezeption ausmachen.
1. Entwicklung zu H.P. Lovecrafts Lebzeiten
Lovecraft selbst griff vielfach auf Bezeichnungen und Konzepte früherer von ihm bewunderter Autoren zurück. So entsprang der Name der von ihm genutzten Gottheit Hastur ursprünglich einer Geschichte von Ambrose Bierce. Der Name tauchte später mit dunkleren Anklängen in einer Geschichte von Robert W. Chambers auf, um schließlich von Lovecraft in seinen Mythos einverleibt zu werden.
Während Lovecrafts Leben tauschte dieser sich vielfach gegenseitig mit seinen Brieffreunden aus, zu denen u.a. Clark Ashton Smith, Robert E. Howard, Robert Bloch, Frank Belknap Long, Henry Kuttner und andere zählten. Zu diesem gegenseitigen Austausch gehörten viele spätere Elemente des Cthulhu-Mythos, wie man ihn heute kennt.
So ließ etwa der als Autor von “Conan der Barbar” bekannt gewordene Robert E. Howard seinen Protagonisten Friedrich von Junzt in der Geschichte “The Children of the Night” das von Lovecraft erdachte fiktive Buch “Necronomicon” lesen.
Neben der so gemeinschaftlich geschaffenen Pseudomythologie (ein Begriff, den Lovecraft selbst wählte) wurden gemeinsame Handlungsorte ein Kern des Cthulhu-Mythos, etwa die fiktive Stadt Arkham.
2. Entwicklung unter August Derleth
August Derleth versuchte sich daran, den heterogenen Mythos zu ordnen und zu erweitern. Er bezog hierzu Material in den Cthulhu-Mythos ein, der ursprünglich nicht dazu gezählt hatte, so etwa die Gottheit Nodens aus Lovecrafts anderweitigem literarischen Schaffen oder die von Clark Ashton Smith erschaffene Gottheit Ubbo-Sathla. Der Mythos wuchs enorm an.
Ihm ist zu verdanken, dass viele Werke Lovecrafts überhaupt erhalten und bekannt wurden. Er nahm aber auch den ersten Schritt der Entfremdung des Mythos von seinen Wurzeln vor.
3. Entwicklung unter anderen Autoren
Noch weiter entfernten weitere Autoren wie Lin Carter, Colin Wilson oder Brian Lumley den Mythos von seinen Wurzeln. Gerade Lin Carter nahm großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Mythos, indem sie detaillierte Listen von Göttern, ihrer Geschichte und Diener herausgab und sich bemühte, den Mythos nach Kräften zu kodifizieren.
Einen mindestens ebenso großen Einfluss auf die allgemeine Wahrnehmung nahm seit den 80er Jahren das Rollenspiel “Call of Cthulhu” (deutsch: “Auf Cthulhus Spur”), das zum Großteil von Sandy Petersen entwickelt wurde. Hier wurden Lovecrafts Figuren endgültig katalogisiert, mit objektiven Spielwerten und -daten versehen und damit dem Mysterium entrissen.
Im Gegenzug wurden die Elemente des Cthulhu-Mythos aber auch endgültig Teil der Populärkultur, mit Referenzen von Filmen wie Tanz der Teufel oder Hellboy bis hin zu Stücken von Metallica. Auch Terry Pratchett ließ sich mit seinem Necrotelicomnicon nicht nehmen, ein seinen Satiren Lovecraft die Reverenz zu erweisen.
Inhalt des Cthulhu-Mythos
Geschichten des Cthulhu Mythos finden oftmals in fiktiven Städten Neuenglands statt und beziehen sich auf die Bedrohung durch die “Großen Alten” (”Great Old Ones”), eine entsetzliche und übermächtige Gruppe uralter Götter, die vor Äonen aus dem Weltall auf die Erde kamen und derzeit in einem todesgleichen Schlaf liegen. Die Bedrohung der hilflosen und unwissenden Menschheit durch ihre mögliche Erweckung liegt allem zugrunde.
Die bekannteste dieser Gottheiten ist Cthulhu, der in unserer Zeit in der versunkenen Stadt von R’lyeh irgenwo im Südost-Pazifik ruht. Eines Tages wird R’lyeh sich wieder über die Wellen erheben, Cthulhu wird erwachen und Unheitl über die Welt bringen.
Der mächtigste Gott des Cthulhu-Mythos ist jedoch Azathoth, dessen Diener Nyarlathotep von den Göttern den meisten unmittelbaren Kontakt mit den Angelegenheiten der Menschen unternommen hat.
Im Kern handeln die Geschichten des Cthulhu-Mythos davon, dass die Welt der Menschen und unsere Rolle darin eine bloße Illusion sind. Unser Unwissen ist unser Segen, oder, um es mit Lovecrafts Einleitung zur Kurzgeschichte “The Call of Cthulhu” zu sagen:
The most merciful thing in the world, I think, is the inability of the human mind to correlate all its contents.